Einblicke

Die Veränderung einer Gesellschaft im Brennglas – Buchpremiere in Bautzen

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Dramaturgin Eveline Günther mit der Autorin Bettina Renner während der Lesung.
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Moderation der Veranstaltung durch die stellvertretende Landesbeauftragte.
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Zeitzeuge Frank Hiekel antwortet auf Fragen aus dem Publikum.
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Während der szenischen Buchlesung im Burgtheater Bautzen.
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Christa Kämpfe und Christian Schramm während der Lesung.
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Im Anschluss an die Lesung fand ein angeregtes Publikumsgespräch statt.

Das Buch „Bautzen im Dazwischen – Vom Ende der DDR zum Aufbruch in eine neue Zeit“, erschienen im August 2022 als 20. Band in der Buchreihe der Sächsischen Landesbeauftragten, erzählt wie die sächsische Stadt Bautzen und ihre Gesellschaft sich Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre veränderte. Am 11. September 2022 stellten wir das Buch gemeinsam mit der Autorin Bettina Renner erstmalig im Burgtheater Bautzen vor.

Das Buch der Bautzner Filmemacherin und Autorin, das auf Grundlage ihres Dokumentarfilms im Zusammenarbeit mit der Sächsischen Landesbeauftragten entstand, ist ein Mosaik der Erinnerungen und Perspektiven, die ein spannendes Porträt einer bewegten Zeit abbilden.

Während der Buchpremiere kamen in einer szenischen Lesung verschiedene Stimmen des Buches zu Wort - Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die sich in dieser Zeit engagierten und gleichzeitig Beobachter waren. Es waren Menschen, die sich mutig einbrachten, ohne dass sie wussten, von welcher Richtung der zukünftige politische Wind wehen würde. Der Ausgang dieser Veränderungen war offen - das wird während der Lesung deutlich. Trotz dieser Unsicherheit setzten sich die Bautzner couragiert für Reformen, Dialog und den gewaltlosen Protest ein. Die Erfahrung dieser Zeit prägt sie bis heute.

Christa Kämpfe ist einer dieser Akteure. Der Kampf um die Rettung der Bautzener Altstadt hatte die Denkmalschützerin politisiert. Während der Lesung schilderte sie die damalige Situation, die sich viele heute nicht mehr vorstellen können: Spaziert man heute durch die Bautzener Altstadt sieht man sanierte denkmalgeschützte Häuser - architektonische Kleinode in sehr gutem Zustand. Ende der 1980er Jahre hingegen waren viele dieser Häuser dem Verfall preisgegeben. Teile der Bautzener Altstadt sollten aufgrund ihrer maroden Substanz abgerissen und durch Plattenbauten des Typs WBS 70 ersetzt werden. Die Straßen der Altstadt sollten von Betonplatten anstelle historischer Pflastersteine geprägt sein. Beton statt Ziegelstein und Granit, so lautete die Devise. Dass die Häuser heute noch stehen, verdanken sie dem Engagement von Bautzenern wie Christa Kämpfe, die sich für ihre Rettung einsetzten. „Die Häuser bleiben stehen“, das war eine der Forderungen dieser Zeit. „Die Zeit der Transformation war von einem großen Tempo geprägt“, erzählte sie im anschließenden Publikumsgespräch. „Auf einem Transparent der Demos in der Zeit des Aufbruchs habe ich mal eine Forderung gelesen, die lautete ‚Erst Erwachsenwerden, dann heiraten‘. Für das Erwachsenwerden blieb damals wenig Zeit“, erinnert sie sich. Sie selbst engagiert sich bis heute im Denkmalschutz.

Ein weiterer Zeitzeuge, der auf der Buchpremiere seine Erfahrungen schilderte, war Christian Schramm, der von 1990 bis 2015 Oberbürgermeister der Stadt Bautzen war. Ende der 1980er Jahre war er als Bezirkskatechet in der evangelischen Kirche tätig und politisch aktiv im Neuen Forum. „Wer schalten will, muss am Hebel sitzen“,  erklärte Christian Schramm seine Motivation, sich politisch zu engagieren. „Wir hatten uns damals vorgestellt, dieses Land verändern zu können“, erläuterte Schramm seine anfängliche Vorstellung von der Reformierbarkeit der DDR. Als er miterlebte, wie brutal der SED-Staat am 7. Oktober 1989 gegen die Demonstranten vorging an der Gethsemane-Kirche Berlin wurde ihm klar: „Unsere Überlegung hat keine Chance. Wenn ein Staat seine Bürger so bedrängt, kann man einfach nicht erwarten, dass auf normalen Wegen Veränderung möglich ist.“ Der Transformationsprozess war für ihn eine prägende Zeit. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir aus den Erfahrungen von damals mehr in den Gestaltungsraum heute einbringen. Denn in der Geschichte kommt es auf jeden einzelnen von uns an. Wir müssen aus unserer persönlichen Betroffenheit heraus Verantwortung übernehmen“, betonte er nachdrücklich im Gespräch mit dem Publikum.

Während der Buchpremiere in Bautzen kamen weitere Perspektiven zu Wort: Bettina Renner stellte Textpassagen Claus Gruhls vor, der Ende der 1980er Jahre das Neue Forum in Bautzen mitbegründete. Eine Aktion, die damals gefährlich war, denn oppositionelle Aktivitäten wurden verfolgt. Gruhl gründete anschließend die Partei Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen mit und ist bis heute als Stadtrat der Grünen in Bautzen aktiv. „Wir haben uns damals gesagt: Wir machen das jetzt einfach!“ - so beschreibt Claus Gruhl im Buch den Mut und die Selbstermächtigung dieser Zeit.

Eveline Günther, seit 40 Jahren Dramaturgin am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen, schilderte im Rahmen der Lesung die bewegten Zeiten des Umbruchs aus der Perspektive des Theaters, das in der DDR als Freiräume für Kritik am politischen System bot. Günther engagierte sich Ende der 1980er Jahre politisch für die Frauen in Bautzen. Sie erlebte wie sich plötzlich die Menschen trauten offen zu reden, wie eine öffentliche Debatte entstand, die es in der Form vorher nicht gab.

Frank Hiekel war in den Zeiten des Umbruchs stellvertretender Leiter der Haftanstalt Bautzen I. Während der Buchpremiere schilderte er, wie er die Zeit der Veränderung erlebt hatte. Damals erreichte der Protest der Demonstranten die Haftanstalt Bautzen, die Inhaftierten streikten und die Lage drohte zu eskalieren. Eine Zeit, in der er Verantwortung übernahm und sich für den Dialog einsetzte, während seine Vorgesetzten sich ihrer Verantwortung entzogen. Für Hiekel eine einsame Zeit, in der er ein hohes persönliches Risiko einging. „Es ist ein Verdienst vieler, dass es damals kein Blutvergießen gab“, betonte Hiekel, der seit 2018 Leiter der JVA Bautzen, der ehemaligen Haftanstalt Bautzen I ist.

Das Buch „Bautzen im Dazwischen – Vom Ende der DDR zum Aufbruch in eine neue Zeit“ kann bei der Sächsischen Landesbeauftragten bestellt werden oder ist über den Buchhandel erwerbbar. Weitere Lesungen können gerne bei uns angefragt werden. 

 

 

Geschichte und Geschichten aufspüren - Hi-STORIES lädt Jugendliche zur interaktiven Zeitreise ein

In unserem neuen Bildungsprojekt "Hi-STORIES" begeben sich junge Menschen auf die Spur der DDR-Geschichte in ihrem Wohnort und erstellen dazu eigene digitale Beiträge. Am 27. Juni 2022 stellten Berufsschülerinnen und Berufsschüler der Euro-Schulen Leipzig ihre Ideen für das Projekt vor.  Nun startet die praktische Phase: Die Schülerinnen und Schüler begeben sich auf die Spurensuche und realisieren ihre eigenen Hi-STORIES. Die Beiträge werden anschließend auf der digitalen Projektplattform www.hi-stories.de veröffentlicht.

Lea, Akram, Tim und Moritz sind auf der Karl-Liebknecht-Straße in der Leipziger Südvorstadt unterwegs auf den Spuren der DDR-Geschichte. Hier, auf einer der bekanntesten Straßen der Stadt, verschmolzen in den frühen Neunzigerjahren Hausbesetzerszene und Club-Kultur. Die Gruppe ist auf der Suche nach Plattenläden, nach Vinyl. Zu DDR-Zeiten heiß begehrt, oft vergriffen und nicht selten unterhalb der Verkaufstresen wie eine eigene Währung gehandelt, wollen die Berufsschüler mehr über den Mythos Schallplatte wissen. Ortwechsel: In Connewitz besuchen derweil Isabel und Nicole das Archiv Bürgerbewegung, wo seit 1991 Zeugnisse der DDR-Opposition und unterschiedlichen Bürgerbewegungen gesammelt werden. Auch sie wollen mehr über die Musikkultur der DDR erfahren.

Was die Jugendlichen gemeinsam haben: Gemeinsam nehmen sie am digitalen Mitmachprojekt Hi-STORIES der Landesbeauftragten teil. Die Schülerinnen und Schüler der Berufsschulklasse sind im zweiten Ausbildungsjahr zum Kaufmann*frau für Dialogmarketing und sie wollen mehr zum Thema DDR-Geschichte vor Ort erfahren.

Das Projekt Hi-STORIES ist Teil des Bundesprogramms „Jugend erinnert“ und möchte junge Menschen ab 14 Jahren dafür gewinnen, ihr unmittelbares Lebensumfeld aus verschiedenen Blickwinkeln unter die Lupe zu nehmen. „Hi-STORIES soll vor allem Interesse wecken und Spaß machen. Bei einer historischen Spurensuche vor der eigenen Haustür wird man automatisch zum Detektiv“, erläutert die Landesbeauftragte Dr. Nancy Aris. Ausgangspunkt einer solchen Spurensuche kann ein Objekt, ein Ort oder eine Person mit einem Bezug zur DDR oder der Transformationszeit sein. Ist dies gefunden, recherchieren die Teilnehmenden selbstständig und machen Quellen ausfindig. Ihre Arbeitsergebnisse fassen sie in einem digitalen Beitrag zusammen. Das kann eine Fotoserie sein, ein Video oder ein Podcast. Allerdings muss er sich mit einem konkreten historischen Datum beschäftigen. Denn Hi-STORIES greift die Idee des klassischen Abrisskalenders auf und überträgt ihn ins Digitale. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die Website des Projekts, auf der die Beiträge hochgeladen und kommentiert werden können.

Mindestens genauso wichtig wie der digitale Beitrag, ist bei Hi-STORIES die Recherche im Vorfeld. So etwa, wenn die Teilnehmenden Gespräche führen oder Quellen erkunden. Dies ermöglicht ihnen einen authentischen Zugang zu Geschichte.

Aus der historisch-politischen Bildung wissen wir: je greifbarer und anschaulicher die Vergangenheit für Heranwachsende ist, desto höher ist ihre Bereitschaft, mehr darüber lernen zu wollen. Die eigenständige Recherche und der persönliche Zugang fördern zudem das Finden eigener Lösungsansätze. Nur so lassen sich altersgemäße Räume und Orte der Teilhabe und Identifikation schaffen. „Ich würde mir wünschen, dass Jugendliche nach dem Projekt mit anderen Augen durch den Alltag gehen und sehen, dass sie von Geschichten umgeben sind“, so Dr. Aris.

Ein wichtiger Schlüssel liegt in der Neugier. Die Suche nach neuen Unterrichtsformen führte die Lehrkräfte der Euro-Schulen Leipzig zur Landesbeauftragten und zu Hi-STORIES. „Wir haben das Projekt zunächst im Kollegenkreis besprochen“, so Lehrer Marvin Kus, „und dann der Klasse vorgestellt“. Die sei seitdem selbstständig mit großem Ehrgeiz und investigativem Drive dabei, auch wenn die Arbeit nicht benotet wird. Kus sieht den Grund darin, dass es um Themen gehe, die sich die Schülerinnen und Schüler selbst suchen. Themen, die meist so nicht im Lehrplan stehen und sie persönlich abholen. Die Basis dafür erarbeitete sich die Klasse im Rahmen zweier Workshops, die das Hi-STORIES-Projektteam anbietet, um gemeinsam ins Thema zu starten und die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens abzustecken.

Isabel und Nicole, die im Archiv Bürgerbewegung forschten, stießen über die legendäre Leipziger Punkband "Wutanfall" schließlich auf die Leipziger Kerzendemonstrationen im November 1983 und fanden im 18. November 1983 ihr Thema. Damals demonstrieren etwa 25 Jugendliche mit Kerzen und lila Tüchern auf der Eröffnung der DOK Leipzig, ehe sie von Staatswegen unter den Augen der Öffentlichkeit brutal auseinandergetrieben und verhaftet wurden.

Für den DDR-Punk interessierte sich auch die Gruppe um Sophie, Justin, Franz und Tom. Auch sie haben zunächst recherchiert, sind dafür unter anderem ins Zeitgeschichtlichen Forum oder die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ gegangen. In ihrem Podcast möchte die Gruppe einen Zeitzeugen interviewen, der zu DDR-Zeiten in Connewitz wohnte.

Lea, Jannis und Fabian erforschen derweil Homosexualität in der DDR, die trotz fortschrittlicher Rechtsprechung bis zum Ende tabuisiert wurde. Auch sie haben dafür mit verschiedenen Vereinen und Archiven gesprochen. Für ihren Podcast möchte die Gruppe einen Zeitzeugen befragen. Doch den zu finden, sei gar nicht so einfach und brauche noch etwas Zeit, schildert das Trio.   

Und Lea, Akram, Tim und Moritz? In den Plattenläden sind sie nur bedingt weitergekommen, sehr wohl aber bei ihrer Suche nach einem Zeitzeugen bzw. Zeitzeugin. Dr. Cornelia Wiesner, die Leiterin der Berufsschule und Fachschule der Euro Akademie, erzählt der Gruppe von zwei Langspielplatten von Udo Jürgens, die für sie große Bedeutung haben. Beide wurden in der Bundesrepublik gepresst und von ihrer Großmutter in die DDR geschmuggelt. Neben den Melodien kam es für Dr. Wiesner vor allem auf die Liedtexte an, mit denen sich Jürgens immer wieder im Spannungsfeld der Zensur bewegte. Hi-STORIES sieht sie als eine gute Möglichkeit, sich den Erfahrungen der Menschen damals und ihrer Lebenswirklichkeit zu nähern. Denn gerade die jüngste Vergangenheit, so Dr. Wiesner, gerate gerade bei jungen Menschen viel zu schnell aus dem Blickpunkt.

Derweil lief für die Klasse in der Woche nach der Projektvorstellung das Schuljahr aus. Die Berufsschülerinnen und -schüler gehen dann zurück in ihre Unternehmen. Auch wenn bis dahin nicht jeder Projektbeitrag fertig ist, wollen sie diese dennoch in ihrer Freizeit fertigstellen. Darin sind sich die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer einig.

Landesbeauftragte bildet Juristinnen und Juristen weiter zur politischen Strafjustiz in der DDR

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Fortbildung zur politischen Strafjustiz in der DDR in der Gedenkstätte Bautzener Straße.
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Vorladung der Volkspolizei zur "Klärung eines Sachverhalts".

„Berlin-Verbot“, „feindliche Verbindungsaufnahme“, „Assi-Paragraph“ – Das alles sind Begriffe, die Jurastudenten heute kaum kennen. Die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Dr. Nancy Aris, brachte am 22. Juni 2022 Licht ins Dunkel. In einer rechtshistorischen Fortbildung in der Gedenkstätte Bautzner Straße erklärte sie Rechtsreferendaren, wie sich die Justiz nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland zum Instrument der kommunistischen Partei entwickelte. Mit Hilfe von Bild- und Tondokumenten, machte sie deutlich, wie die Zusammenarbeit von Justiz, Partei und Staatssicherheit funktionierte. Welche Möglichkeiten der Strafverfolgung gegen politische Gegner gab es? Was hatte es mit den politischen „Gummiparagraphen" auf sich? Wie wurden sie angewandt? Wie lief der Strafvollzug ab?

Während der Fortbildung erläuterte die Landesbeauftragte, wie die Strafjustiz in der DDR über die Jahre hinweg auf gesellschaftliche Veränderun­gen reagierte und sich anpasste. Die angehenden Juristinnen und Juristen erhielten außerdem einen Überblick über die Justizgeschichte der DDR und ihre Schlaglichter von den „Waldheimer Prozessen" bis zur „Aktion Rose". Auch der Umgang mit der Justiz nach 1989 war ein wichtiges Thema. Neben der juristischen Aufarbeitung stellte Dr. Nancy Aris die Bemühungen um Rehabilitierung der Betroffenen vor. Dabei ging es vor allem um die heutigen Herausforderungen bei Wiedergutmachung von SED-Unrecht.

Die Weiterbildung, die wir regelmäßig für angehende Juristinnen und Juristen anbieten, ist ein wichtiger Bestandteil der juristischen Ausbildung. Seit dem 1.1.2022 ist das Thema „Politische Strafjustiz in der DDR" sogar offizieller Bestandteil der Richterausbildung. Die Weiterbildung sensibilisiert für eine kritische Bewertung der Vergangenheit und für eine angemessene Bewertung von Opferschicksalen, die das Leben der Betroffenen bis heute prägen und einer intensiven Beratung bedürfen.

Die Sächsische Landesbeauftragte auf der 14. Geschichtsmesse in Suhl

Detailansicht öffnen: Dr. Nancy Aris auf der Geschichtsmesse Suhl
Frau Dr. Nancy Aris im Gespräch auf der Geschichtsmesse.
Detailansicht öffnen: Geschichtsmesse Suhl Podiumsdiskussion
Podiumsgespräch mit Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller, Christine Lieberknecht, Bodo Ramelow und Dr. Nancy Aris.
Detailansicht öffnen: Projektpräsentation der LASD auf der Geschichtsmesse
Präsentation unseres digitalen Mitmachprojekts "Hi-STORIES. Geschichte vor Ort"
Detailansicht öffnen: Infostand der Landesbeauftragten
Der Infostand der Landesbeauftragten auf der Geschichtsmesse in Suhl.

Vom 28. bis 30. April 2022 präsentierten wir unsere Arbeit und aktuelle Bildungsprojekte auf der 14. Geschichtsmesse in Suhl. Unter dem Titel "Demokratie unter Druck" stand auf der diesjährigen Geschichtsmesse das Spannungsfeld zwischen Freiheit, Protest und Extremismus in Deutschland und Europa nach 1989/90 im Mittelpunkt.

Im Einführungsvortrag der Geschichtsmesse lud Prof. Dr. Jörg Ganzenmüller von der Stiftung Ettersberg zunächst dazu ein, sich mit der Frage der aktuellen und historischen Definition von Freiheit auseinanderzusetzen. Den Bogen von der Geschichte in die aktuelle und politisch oft heiß diskutierte Gegenwart schlug das Podiumsgespräch "Die Grenzen der Demokratie. Freiheit und Protest im vereinten Deutschland":  Die Sächsische Landesbeauftragte Dr. Nancy Aris kam hier gemeinsam mit der ehemaligen thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, dem amtierenden Ministerpräsidenten des Freistaats Thüringens Bodo Ramelow und Prof. Ganzenmüller ins Gespräch. Im Fokus standen mögliche Ursachen für Demokratieskepsis bei einem Teil der Bevölkerung aber auch geschichtsverfälschende Diskurse bei den jüngsten Corona-Protesten. "Hier sehe ich eine große Chance in der politischen Bildung. Diese ist wichtig, um vor allem junge Menschen über historische Zusammenhänge zu informieren und ihnen anschaulich begreifbar zu machen, wie das politisches System in einer Diktatur wie der DDR funktionierte. In der DDR wären der aktuelle Protest und öffentliche Debatten darüber nicht möglich gewesen“, erläuterte Dr. Nancy Aris.

Darüber hinaus setzte sich die Geschichtsmesse mit weißen Flecken der gesellschaftlichen Aufarbeitung auseinander, wie dem politischen Extremismus der 1990er Jahre im Osten Deutschland. Fast 30 Jahre sind die rassistisch motivierten Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen her, die Aufarbeitung dieser Ereignisse fällt aber immer noch schwer, so das Fazit des Podiums.

Digital und interaktiv - so möchte politische Bildung  gerne jüngeren Menschen Wissen vermitteln. Die Geschichtsmesse lud auch hier zur Diskussion ein und stellte Fragen, wie: Interessieren wir mit Tik-Tok jüngere Menschen für historische Themen? Sollte politische Bildung mehr auf moderne Social- Media-Kanäle, Games und virtuelle Apps setzen? Die Podiumsteilnehmer plädierten hier eindeutig für ein "Ja", wobei hier die Grenzen der Ressourcen beachtet werden sollten.

Die Geschichtsmesse schloss mit einem Podiumsgespräch zum Freiheitsbegriff in europäischer Perspektive vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs. Nach den Freiheitsrevolutionen von 1989/90 ist die Freiheit in Osteuropa nun in Gefahr, die Situation für die Ukraine katastrophal. Im Podium diskutierten Prof. Dr. Irina Scherbakowa von der Menschenrechtsorganisation Memorial Moskau, die tschechische Autorin Dr. Radka Denemarková, Markus Meckel, Ratsvorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung, der deutsch-polnische Historischer Bogdan Musiał sowie Dr. Adamantios Theodor Skordos vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa miteinander. Im Fokus stand, welche Möglichkeiten es gibt, die europäische Freiheit zu schützen und die Ukraine zu unterstützen.

Neben Vorträgen und Workshops bot die Geschichtsmesse Raum für die Vorstellung aktueller Projekte der historisch-politischen Bildung. Die Sächsische Landesbeauftragte präsentierte hier gemeinsam mit Projektleiter Dr. Alexander Müller das digitale Mitmachprojekt "Hi-STORIES. Geschichte vor Ort". Darüber hinaus war unsere Behörde mit einem Infostand vertreten.

Hintergrund:
Die Fachtagung der Bundesstiftung Aufarbeitung findet seit 2008 jährlich im thüringischen Suhl statt und widmet sich immer einem Thema der deutsch-deutschen Geschichte im europäischen Kontext. Jährlich besuchen mehr als 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland die Geschichtsmesse. Die Sächsische Landesbeauftragte nimmt neben schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen, Gedenkstätten, Aufarbeitungsinitiativen und Forschungseinrichtungen regelmäßig an der Tagung teil.